5 Februar 2008

Les Bienveillantes von Jonathan Littell als Lektüreevent in der FAZ

Posted in Aktuell, Französische Literatur tagged , , um 10:08 am von romartbib

Das französische Literaturereignis des Jahres 2006 (Prix Goncourt, Prix de l’Académie, Bestseller) – der Roman „Les Bienveillantes“ des auf französisch schreibenden Amerikaners Jonathan Littell – ist nun ins Deutsche übersetzt („Die Wohlgesinnten„) und erscheint als Vorveröffentlichung in Auszügen in der FAZ – sowohl in der Printausgabe als Serie als auch in einem Reading Room im Netz, wo man die jeweils aktuelle Folge nicht nur lesen, sondern auch hören und sehen sowie diskutieren und kommentieren kann. Hier gibt es auch eine Einführung in das Buch von Frank Schirrmacher sowie verschiedenste Stellungnahmen bekannterer und unbekannterer Leute im „Expertenforum„.

Der aus jüdischer Familie stammende Autor Littell beschreibt in seinem Roman aus der Perspektive eines jungen SS-Offiziers ohne Reue die Geschichte der Nazi-Herrschaft und des Holocaust. Das dürfte viele Leser in Deutschland interessieren, mal sehen, inwieweit die FAZ-Initiative auch hier ein „Literaturevent“ anstößt.

Einen saftigen Gegenkommentar gibt es jedenfalls schonmal von Anne-Catherine Simon (Die Presse). Auch Gregor Dotzauer vom Berliner Tagesspiegel hält nicht viel von diesem Marketing-Vorspiel.

Jorge Semprun, der ja seinerseits bereits viel zur Erinnerungsliteratur der Nazizeit beigetragen hat, zeigt sich in einem Interview mit der FAZ (Ausgabe vom 8.2.2008) jedenfalls begeistert von dem Buch selbst (über die Art der Vermarktung äußert er sich nicht):

In gewisser Hinsicht hat Littell mit den „Wohlgesinnten“ geschaffen, was mir vorschwebte – und das zu schreiben mir nicht gelang. Die Erinnerung an den Genozid wie an die Résistance stirbt, wenn sich nicht junge, nachgeborene Schriftsteller dieser Stoffe annehmen. Bald wird es keine überlebenden Zeitzeugen mehr geben. Natürlich haben wir die Zeugnisse der Opfer und die Dokumente in den Archiven. Die Historiker werden weiter über den Zweiten Weltkrieg schreiben. Aber nur die Dichter können das Erinnern erneuern. Das hat jetzt ein vierzigjähriger Amerikaner, der Französisch schreibt, gemacht.

Der Literaturteil der ZEIT vom 14.02.2008 ist größtenteils Jonathan Littell gewidmet – die Rezensenten Iris Radisch und Harald Welzer möchten die Lektüre der „Wohlgesinnten“ aber ausdrücklich nicht empfehlen. Ebensowenig begeistert ist Georg Klein von der SZ, und Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel hält das Buch für miserabel. Tilman Krause von der WELT hingegen hat den Roman als „aufwühlendes emotionales Abenteuer“ gelesen.

Am 20.02.08 zeigt sich Kurt Kister von der Lektüre in verschiedener Hinsicht heftig erregt und ist hin- und hergerissen in seiner Bewertung. Hannes Stein hat Littells Erstlingswerk Bad Voltage gelesen und sieht darin „Warnungen vor dem (…), was kommen wird“.
Auch in Frankreich (Le Monde des Livres vom 14.02.2008) wird die Publikation des Titels auf deutsch kommentiert und die Reaktion des deutschen Publikums mit Spannung erwartet. Hier erfährt man auch etwas über die Reaktionen auf den Roman in Italien und Spanien und die Perspektiven für die englische und die hebräische Übersetzung.

Littell selbst macht sich in Deutschland ähnlich rar wie zuvor in Frankreich. Das bisher einzige Interview ist im SPIEGEL vom 10.02.08 zu lesen, und am 28.02. wird er sich im Berliner Ensemble einer öffentlichen Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit stellen.

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1 Kommentar »

  1. […] Veröffentlicht in Aktuell, Französische Literatur tagged Die Wohlgesinnten, Holocaust-Literatur, Jonathan Littell um 10:13 vormittags von romartbib Morgen gehen “Die Wohlgesinnten” in den Buchhandel, und da aus diesem Anlass das Medienecho heute bereits erheblich ist und in den nächsten Tagen wahrscheinlich weiter steigt, will ich nochmal einen neuen Eintrag aufsetzen (zum ersten siehe hier). […]


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